Selbst-Transformation im Coaching mit NLP

Selbst-Transformation Coaching

In seinem neuen Buch “Transformation des Selbst, werde, der du bist” stellt Steve Andreas eine Vorgehensweise vor, wie man sinnvoll mit limitierenden Selbstbildern arbeiten kann (Selbst-transformation im Coaching). Eine dankenswerte Leistung, da es bisher im NLP keine Formate für die Arbeit auf der so genannten Identitätsebene gab. Wie ich aus eigener Erfahrung an mir selbst und in der Arbeit mit vielen Klienten bestätigen kann, ist seine Vorgehensweise überaus hilfreich und kann zu sehr tiefen und weit reichenden Veränderungen des Selbstbildes führen.

Der Untertitel von Steve Andreas Buch, (werde, der du bist!) ist ein Beispiel für die Vorstellung, dass wir so etwas wie ein Wesen haben, das wir allerdings verfehlen können, aber auch wieder finden können. Das Verfehlen, das Scheitern ist als solches aber de facto nie durch einen Vergleich mit einem irgendwie bekannten Wesen des eigenen Selbst zu bestimmen. Vielmehr vergleichen wir uns mit einem möglichen Selbstentwurf, einem zukünftigen Sein. Wir glauben nicht (mehr) dass eine bestimmte Form des Leidens unumgänglich für uns ist und suchen daher nach neuen Lebensmöglichkeiten. Diese Dialektik zwischen weg-von und hin-zu erschließt uns weder unser (eigentliches) Wesen oder den Sinn unserer Existenz, sondern ist ein neuer Versuch einer Welt- und Selbstdeutung – bis auf Widerruf.

Der eigentliche Titel “Transformation des Selbst” enthält eine (gewollte?) Ambiguität durch den doppelten Sinn des Genitivs. Soll das Selbst transformiert werden oder soll eine Transformation durch das Selbst erfolgen? Worum es im Buch tatsächlich geht ist eine Veränderung des Selbstbildes, als der Selbstdeutung. „In diesem Buch geht es nicht um das ‚Problem des Bewusstseins’, mit dem sich Philosophen in ihren Elfenbeintürmen jahrhundertelang abgemüht haben. Noch geht es um logische, kognitive oder mathematische Theorien des Selbst.“

Leider, bin ich versucht zu sagen. Natürlich kann es nicht die Aufgabe von Therapeuten sein die härtesten Nüsse der Subjektphilosophie zu knacken, aber ein vertieftes Vorverständnis des dort erreichten Problembewusstseins könnte auch der eigenen Begriffsbildung gut tun.

Ich möchte daher im Folgenden versuchen einen Überblick über die Problemlage rund um den Begriff des Selbst-Bewusstseins zu geben und einige Anregungen, die sich auf die Begriffsbildung im NLP beziehen. Dabei tauchen Fragen auf wie:

  • Wie verhält sich eigentlich das Ich zu seinen Teilen?
  • Kann man sinnvoller Weise von dem (eigentlichen) Wesen eines Individuums ausgehen?
  • Macht es Sinn nach dem Sinn des Lebens zu fragen?
  • Reicht das Vorstellungs-Modell aus um ein angemessenes Verständnis von Bewusstsein zu bekommen?
  • Wie kann man (endlich) das Ich entnominalisieren?
  • Wie können wir Sätze wie „Ich bin enttäuscht über mich selbst.“ verstehen. Hier kommt der Sprecher gleich dreimal vor. In der Rolle des Subjekts, des Objekts und in der Rolle der Vermittlung beider Perspektiven.

Was heißt es eigentlich „sich seiner Selbst bewusst zu sein“?

In den letzten Jahrzehnten gab es, namentlich in der Philosophie, im Anschluss an Nietzsche, eine starke Tendenz, das Selbst zu einer Fiktion zu erklären. Ein durch die Grammatik bedingtes „Volks-Vorurteil“. Man sprach auch in Analogie zum „Tod Gottes“ vom „Tod des Subjekts“. Das Ich sollte Abdanken, es wurde ein „theoretische Antihumanismus“ propagiert.

Allerdings wurde allenthalben immer deutlicher, dass man die eigentümliche Form, in der sich Subjekte zu sich selbst verhalten können, nicht weg diskutieren kann und auch nicht weg analysieren kann und auch die analytischen Sprachphilosophen begannen ein zu sehen, dass man das Problem des Selbst nicht auf ein linguistisches Problem reduzieren kann, da die sinnvolle Nutzung der Personalpronomen ich, mich oder des Possessivpronomens mein, immer schon ein Selbstverhältnis, ein Wissen um sich selbst voraussetzen und daher nicht konstituieren können.

Dieses Wissen von sich selbst unterscheidet sich nun in ganz prinzipieller Weise von allen anderen Formen des Wissens. „So ist also in ihm vorausgesetzt, dass einer von sich selbst weiß, und zwar so, dass er zugleich auch weiß, dass dieses Wissen ein Wissen von ihm selbst ist.“

Wovon wissen wir nun etwas, wenn wir von uns Selbst etwas wissen?

„Schreibt einer sich selbst etwas zu, so muss er den, dem er etwas zuschreiben will, bereits als den, der sich etwas zuschreibt, im Sinne haben, so dass also jede solche Zuschreibung bei einem bereits bestehenden Selbstverhältnis ankommt. … Kein Wissen von sich, von dem nicht als solchem gewusst wird, dass es nämlich Wissen von sich ist.”

Es macht also keinen Sinn die Selbstcharakterisierung aus einer wissenden Selbstbeziehung heraus erklären zu wollen. Das wovon in der Selbstbeziehung gewusst wird besteht immer nur in einem damit, dass von ihm gewusst wird. „Der, der von sich ein Wissen hat, und dies, dass er von sich ein Wissen hat, sind unauflösbar aneinander gebunden. Freilich ist im Wissen von sich einer, von dem gewusst wird, vorausgesetzt, weil in diesem Wissen sonst von gar nichts gewusst würde.“ In diesem Sinne kann man also sagen, dass Subjekte spontan und in einem mit dem Wissen von sich entstehen.

Dieses Wissen von sich selbst kann sich nicht irren, hier gibt es kein Meinen, dass durch vertieftes Wissen korrigiert werden könnte. Man kann sich natürlich täuschen bis hin zum Wahn über Fähigkeiten und Eigenschaften, aber nicht darüber, dass man das von sich selbst glaubt. So kann sich einer für einen grandiosen Pianisten halten, obwohl er kaum in der Lage ist ein einfaches Stück fehlerfrei zu spielen. Aber er irrt sich nicht in dem Sinne, dass er nicht sich meint. Des Weiteren haben wir gesehen, dass die wissende Selbstbeziehung aus keiner ihrer Komponenten abgeleitet werden kann, da alle zugleich vorhanden sein müssen.

Ich kann also nur dann etwas über mich selbst wissen, wenn ich „über den Gedanken von einem Einzelnen verfüge, das ich selber bin“. In diesem Sinne ist also das Subjekt selbst gar nichts ohne seine Gedanken. „Man darf sogar sagen, dass es nichts ist, ohne seine Gedanken zu sein.“

Weder das Ich, noch das Selbst kann jemals als Erfahrungsgegenstand in der Wahrnehmung auftauchen. Die Nominalform „das Ich“ bzw. „das Selbst“ suggerieren allerdings, als ob es ein Ding gäbe, ein etwas, dass wir sinnvoller Weise als Ich oder Selbst erfahren könnten. Dennoch bleibt die Frage worauf sich den nun die Worte „Ich“ und „Selbst“ beziehen – welches ist ihr Referent? Alles Wissen ist immer ein Wissen von etwas, außer demjenigen, das im Selbstbewusstsein vorliegt. „Der Gegenstand von Selbstbewusstsein ist darum nicht nichts: er ist ein Subjekt. Aber ist, was nicht gegenständlich existiert, überhaupt eine Entität; ist sie nicht vielmehr ein Unding? Allerdings (und so hat es schon Friedrich Schlegel im Blick auf die Freiheit des Subjekts gesehen): ‚sehr bedeutend ist der Ausdruck, die Freiheit sei ein Unding; sie ist auch das einzige Nicht und Gegending’“.

Wir haben uns also mit der Unverfügbarkeit des Grundes des Selbstbewusstseins abzufinden um einen Weg zu finden, wie wir über der Abgründigkeit unseres Selbst ein Leben aufbauen, dass sich seines Grundes nie ein für alle mal versichern kann. Wir können uns natürlich Fiktionen, z.b. religiöser Art, über diesen Grund machen, aber wie jeder Gläubige nur zu gut weiß ist der Zweifel ein steter Begleiter des Glaubens, weil es eben keine Gewissheit, keine unhintergehbare Evidenz für diese Fiktionen gibt, egal wie nützlich sie für die Lebensführung sein mögen.

Ich, Bewusstsein und Selbstbewusstsein

Der Subjektbegriff kommt in die neuzeitliche Philosophie dadurch, dass man vom Vorstellungsprozess ausgegangen ist. Jede Vor-Stellung vergegenwärtigt ein Vorgestellte, ein ob-jectum. Descartes hat nun den Schritt vollzogen dem Vorstellen (cogitare) die Tat eines Vorstellenden, eines Ich, welches vorstellt wird zuzuordnen. „Bei Leibniz findet sich erstmals die Nominalisierung des Pronomens der ersten Person singularis.“

Da die Interventionen im NLP in den Vorstellungsbereich eingreifen, scheint eine ausführlichere Thematisierung dieser Vorgehensweise, namentlich, wenn es um die Frage des Selbst, der Identität, des Ich usw. geht von großer Bedeutung. Bateson hat bekanntlich Bandler und Grinder gerügt, dass sie zwar alles mögliche entnominalisiert hätten, aber die größte Nominalisierung von allen, dass „Ich“ davon ausgespart haben. Da sich das NLP bisher vorwiegend mit der Veränderung des Verhaltens, der Glaubenssätze und Werte usw. beschäftigt hat und die Frage nach dem Ich, der Identität, dem Selbst vernachlässigt hat, wurde die Problematik die damit verbunden ist, nicht bemerkt. Erst mit dem neuen Buch von Steve Andreas, „Transformation des Selbst – werde, der du bist!“ rücken diese Fragen ins Zentrum des therapeutischen Geschehens.

Diese Abstinenz verwundert um so mehr, als in einer Methode, die sich in ihrem Namen auf die Linguistik bezieht, zu erwarten gewesen wäre, dass man sich mit Sätzen wie „Ich hasse mich“ oder „Ich verachte mich selbst“ auseinandergesetzt hätte. In diesen Sätzen kommt das Ich zweimal, bzw. dreimal vor. Einmal in der Position des Subjekts und einmal in der des Objekts und ein drittes mal in der Vermittlung beider Positionen. Es geht in solchen Sätzen also um die Relationen von Selbigkeit, Gleichheit und Unterschiedlichkeit des Ich in der Beziehung zu sich selbst.

Das Vorstellungs-Modell wird im alltäglichen Sprachgebrauch aber auch in den meisten therapeutischen Schulen als Modell des Bewusstseins übernommen.

„Jedes Vorstellen ist Vorstellen von etwas (anderem als der Vorstellung selbst). Wird Bewusstsein seinerseits nach dem Repräsentations-Modell beschrieben, so wird an die Stelle des pronominalen Ausdrucks ‚etwas’ das Vorstellen selbst eingesetzt. Es ist gleichzeitig ‚in seiner eigenen Sicht’. … Dieses Sicht-Selbst-Vorstellen des Bewusstseins nennt die philosophischem Tradition Reflexion. Wir können also von einem Reflexionsmodell des Selbstbewusstseins sprechen.“

Fichte war der erste, der sich der Problematik des Reflexions-Modells des Bewusstseins ganz und gar bewusst war. Wenn ich nämlich um Bewusstsein von mir selbst zu bekommen erst mein eigenes Bewusstsein zum Objekt eines neuen Bewusstseins machen müsste, so würde ich überhaupt nie zum Selbstbewusstsein kommen. Ich würde vielmehr in einen unendlichen Regress geraten. Wie wir oben schon erläutert haben muss im Selbstbewusstsein Subjekt und Objekt in eins gegeben sein. Subjektivität ist immer unmittelbar mit sich bekannt und kann nicht aus der Vorstellung von sich selbst abgeleitet werden. Die Reflexionspronomina („Ich verstehe mich selbst nicht mehr“) sind als Falle der Sprache zu verstehen, die uns gerade von dieser Unmittelbarkeit ablenkt und den Eindruck erweckt, als ob diese Rückbezüglichkeit strukturell gleich ist mit der in einem Satz wie: „Ich kann mir nicht vorstellen, wie diese Ehe noch zu retten ist.“

Im NLP wird nun versucht einen Satz wie „Ich weiß von mir“ durch die Annahme einer Teilbarkeit des psychischen Subjekts verständlich zu machen. Das Teile-Modell konnte allerdings nie klären, wie sich das Ich zu seinen Teilen verhält. „Die aus der Vorstellungs-Theorie des 17. und 18. Jahrhunderts übernommene Prämisse, wonach das Bewusstsein ein von ihm unterschiedenes Objekt vor sich selbst stellt, ist aber gänzlich ungeeignet, unsere Vertrautheit nicht mit anderem, sondern mit uns selbst verständlich zu machen.“ Im Teile-Modell verändern sich auch immer nur die Teile und ihre Beziehung zu einander. Das Ich bleibt als transzendentale Klammer, die die Einheit, die Identität der Person garantiert, außen vor. Obwohl es doch darum geht, „dass es mir durch die Intervention besser geht“. Und in der Tat sagen Klienten ja auch nach erfolgreicher Arbeit: „Jetzt fühle ich mich viel besser.“

Man könnte also argumentieren, dass die Übernahme des Vorstellungs-Modells des Bewusstseins und des damit zusammenhängenden Teile-Modells zwar die Selbstvertrautheit des Bewusstseins mit sich selbst nicht aufhellen kann, dass diese Redeweise aber nicht wirklich hinderlich für die Arbeit ist und im übrigen den alltäglich Sprachgebrauch paced. Darüber hinaus geht es im NLP, wie in allen anderen psychotherapeutischen Methoden bei den Vorstellungen, die jemand von sich hat, immer um inhaltliche Vorstellungen, z.b. die Vorstellung, dass ich ein Versager bin, aber nicht um die Frage, wie ist es zu verstehen, dass ich in dieser Vorstellung schon ein Bewusstsein davon habe, dass es meine Vorstellung ist. Dies wird einfach als gegeben vorausgesetzt. Insofern macht es Sinn, wenn Andreas diese harte Nuss ausklammert.

Subjektivität – Person – Individuum

„In einer noch vagen und begründungsbedürftigen Weise können wir sagen: ’Subjekte’ (und ‚ich’) meinen ein Allgemeines, ‚Person’ ein Besonderes, ‚Individuum’ ein Einzelnes.“ Alles, was aus einem Allgemeinen abgeleitet werden kann, nennen wir ein Besonderes. „Individuell ist dagegen, was von jedem Universalanspruch ausgenommen und aus einem Allgemeinen auch nicht bruchlos deduziert werden kann.“

Mehr noch, die Bedeutung des Ganzen existiert nirgendwo anders, als in den Bewusstseinen der Individuen. Und der Begriff des Universellen existiert in so vielen Interpretationen, wie es Individuen gibt. „Jeder lebt in seinem Modell der Welt.“

„Individuen sind selbstbewusst in dem Sinne, dass sie ihre Welt im Lichte von Deutungen erschließen, und Deutungen werden als Bedeutungen (von Wörtern wie von Sätzen) fassbar. Damit ist Individualität nicht aus dem Sprachbezug herausgenommen. Im Gegenteil ist Miteinander-Sprechen auf Weltdeutung angelegt, und deutungsmächtig sind nur Individuen. Kein Wort besitzt Sinn, unter dem es erschlossen ist, aus sich selbst; es verdankt ihn einer Deutungsinitiative, deren Autor – in letzter Instanz – immer ein Einzelsubjekt sein wird.“

Dieses Individuum ist nun nur als ein Seiendes ohne Wesen und ohne Sinn zu denken. Da es sein Wesen, also das was es ist, selbst entwirft. Es ist ohne Sinn, weil es Sinn nur gibt, wenn er von Individuen weltdeutend erschaffen wird. Die Frage: „Wer bin ich (wirklich)?“ führt in die Irre, und die anschließende Suche bleibt vergeblich. Dies eröffnet erst den Spielraum des freien Selbstentwurfs. Gleichzeitigist jedes Individuum durch seine Verkörperung und seine Geschichte immer schon unter Bedingungen gestellt, die durch keinen noch so freien Entwurf einfach verworfen werden können. Der Satz „If you can dream it, you can do it!“ Erträumt sich eine Unbedingtheit, die keinem endlichen, verkörperten Subjekt je zugänglich gewesen sein wird.

Selbstdeutung

Jedes inhaltliche Wissen über sich selbst, jede Selbstdeutung bleibt notwendig partikular und unsicher. Wir können uns über uns selbst täuschen und von uns selbst überrascht werden. So bleibt jede Antwort auf die Frage „wer bin ich“ notwendig vorläufig. Jedes Selbstbild als Zusammenfassung der aktuellen Selbstbeschreibung hat insofern auch Entwurfscharakter, da aus ihm abzuleiten ist, was von einem wie mir noch zu erwarten ist oder aber gerade nicht zu erwarten ist. Dieser Selbstentwurf eröffnet gleichzeitig den Horizont neuer Selbstentdeckungen. Wenn ich mir z.b. etwas vornehme, kann ich dabei scheitern oder es kann mir viel leichter fallen, als ich gedacht habe. Insofern entdecke ich im Versuch den Selbstentwurf zu realisieren neue Aspekte von mir selbst, die die Grundlage eines veränderten Selbstentwurfs werden können.

Allerdings entdecke ich mich in meinem Scheitern und in meinen Siegen, wie auch in der Alltäglichkeit meines Lebens nicht ohne meine Interpretation. Welche Tatsache und Ereignisse ich überhaupt berücksichtige, was ich verdränge oder vergesse und wie ich diese Ereignisse bewerte und interpretiere ist jeweils von meinem Selbstbild, von meinen Erwartungen, Werten usw. abhängig. Mehr noch es ist gar nichts ungewöhnliches, dass Menschen zumindest für eine Zeit ihres Lebens mit widersprüchlichen Selbstbeschreibungen leben. So mag sich jemand für ein Genie und einen Versager gleichzeitig halten. Wir wissen, dass wir zu früheren Zeiten unseres Lebens ein anderes Selbstbild hatten, und wir können mit Recht erwarten, dass wir in einigen Jahren wiederum anders über uns und über unsere Vergangenheit, über unsere Biographie urteilen werden.

Wenn uns die Psychotherapien und die Psychologie etwas gelehrt hat, dann, dass diese Selbstdeutungen alles andere als völlig autonom entstehen. So hat uns die Transaktionsanalyse gezeigt, wie Menschen zu ihrem Lebensskript kommen, dass des Rahmen ihrer Selbstdeutung abgibt, so hat dass NLP mit seiner Arbeiten über die Entstehung von limitierenden Glaubenssätzen gezeigt, dass wir Menschen dazu neigen auf der Basis traumatischer Erfahrungen unangemessene Generalisierungen über uns selbst, die Anderen und die Welt im Allgemeinen zu bilden. Die Psychologie und die Soziologie und Sozialpsychologie konnte zeigen, wie unser Rollenverständnis, unsere Werte, und auch die Ziele, die wir im Leben anstreben, von den sozialen Bedingungen abhängen, unter denen wir aufgewachsen sind und in denen wir leben.

Wir können also im Anschluss an Nietzsche und Vaihinger (Philosophie des Als Ob) sagen, dass alle Selbstdeutungen lebenserhaltende und lebenssteigernde Fiktionen sind. In diesem Sinne ist auch der Satz zu verstehen „es ist nie zu spät eine glückliche Kindheit zu haben“. Der fiktionale Charakter des so genannten as-if frames im NLP ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass sich die Gründer des NLP bewusst in die Tradition des Fiktionalismus à la Vaihinger gestellt haben. Und auch Watzlawick nennt seinen Ansatz eine „Therapie des als ob“.

Wir können mit Watzlawick davon sprechen, dass Menschen in zwei Realitäten gleichzeitig leben: In der Welt der Dinge und in der Welt der Bedeutungen. Und was etwas bedeutet, dafür gibt es kein eindeutiges Wahrheitskriterium. Wir wissen aber, dass Menschen an ihren Bedeutungsgebungen erkranken können („Ich bin nicht liebenswert“, „Es ist doch sowieso sinnlos was ich mache“ usw. usw.) Die individuelle Bedeutungsgebung kann uns aber auch motivieren, inspirieren und heilen.

Insofern ist ein bedeutender Teil moderner Psychotherapie ein Reframingprojekt. Limitierende Bedeutungsgebungen werden umgedeutet, so dass der Klient ein erfüllteres Leben führen kann. Dabei ist klar, dass in postmodernen Zeiten kein Therapeut so tun kann, als wüsste er besser als sein Klient, wie dieser sinnvoller Weise zu leben hätte. Therapie kann also nur in einem kooperativen und kokreativen Prozess neue Lebens- und Selbstentwürfe experimentell erproben.

Erkennen und entscheiden

Wir haben bisher immer nur vom Selbstbewusstsein im Sinne des sich-selbstbewusst-seins, also im kognitiven Sinne gesprochen. Dies ist aber nur die halbe Wahrheit über das Selbst. Gerade, wenn es um Transformation geht, geht es immer auch um Entscheidungen. Ich will nicht mehr X sein sondern lieber Y. Oder: Ich will nicht mehr X machen sondern lieber Y. Es fehlt also die volitive, die willentliche Seite des Selbst. Jede Entscheidung ist die Entscheidung für oder gegen etwas. Dieses Etwas muss als solches also schon vorliegen, also erkannt sein. Jedes Erkennen setzt aber eine Ausrichtung der Aufmerksamkeit voraus, lieber dies statt das, also einen Willensakt. In diesem Sinne schreibt Kaehr:

„Die Simultaneität von volitiven und kognitiven Akten lässt sich als das Selbst eines selbstorganisierenden Systems im Sinne eines lebenden Systems verstehen. Das Selbst ist nicht positiv bestimmbar, weil es weder dem volitiven noch dem kognitiven System zu zuordnen ist. Das Selbst ist der Mechanismus des Zusammenspiels von Kognition und Volition selbst. Dieser Mechanismus ist selbst nicht wieder ein kognitiver oder volitiver Operator und daselbst auch nicht der Träger von beiden. Daher gibt es keinen Referenten, der als das “Selbst” designierbar wäre. Damit gibt es aber auch keine Wahrheit des Selbst, wenn Wahrheit Unverborgenheit, aletheia, heißt. Dadurch erhält das Selbst jedoch keine extra-mundane Dignität. Etwa in dem (…) Sinne, dass der Aktor immer außerhalb seiner Aktivität in einem unzugänglichen Jenseits angesiedelt wäre (deus absconditus).“

Selbstorganisierende, autopoetische Systeme (Maturana) sind informell geschlossene Systeme und ermöglichen gerade durch diese Geschlossenheit ihre Autonomie. Informelle Offenheit wäre gleichbedeutend mit der Unfähigkeit Nein zu sagen, Bedeutungsangebote abzulehnen und neue Bedeutungen zu vergeben.

„Hierbei entsteht die Paradoxie der operational geschlossenen Systeme bzgl. Ihrer Umgebungen: je komplexer die Geschlossenheit des Systems, desto komplexer die Weltoffenheit des autonomen Systems. Der Grad der Komplexität der Geschlossenheit des Systems wird angegeben durch den Grad der Verschränktheit der Selbstbezüglichkeiten des Systems. Je komplexer diese sind, desto größer sind die Möglichkeiten der Distanzierung von seiner Umgebung. Distanzierung ist aber der Grund der Freiheit der Wahl von Umgebungen. Distanzierung und
Weltverwobenheit sind komplementäre Eigenschaften eines autonomen Systems.“

Freiheit ist in diesem Sinne die Fähigkeit die jeweilige Umgebung unterschiedlich zu interpretieren um auf der Basis der jeweiligen Interpretation zu handeln. Diese Art von Freiheit negiert nicht die Kausalität der Welt, vielmehr wird betont, dass die Kausalität der Welt, wenn sie durch ein lebendes System hindurch wirkt, durch ein „Bild der Welt“ hindurch wirken muss. Dies ist bei toten Objekten nicht der Fall.

In der kognitiven Situation geht es also darum die Welt zu erfassen, wie sie wirklich ist und in der volitiven Situation geht es darum sie zu gestalten bzw. sie zu interpretieren. In diesem Sinne sind die meisten Aktionen eine Mischung, in der entweder die kognitive oder die volitive Komponente überwiegt. In den konstruktivistischen Ansätzen scheint man so zu tun, als ob es nur volitive Momente gibt. Dann ist allerdings Erkenntnis gar nicht mehr möglich. Dies führt zu einem haltlosen Solipsismus. Lustig ist dabei, dass selbst die radikalsten Konstruktivisten sich im Alltag nicht nach ihrer eigenen Theorie verhalten (können). Wenn ich jemanden frage: „Ist noch Milch im Kühlschrank?“ Und er antwortet: „Ja!“ Gehe ich hin um sie zu holen. Wenn ich jetzt keine Milch im Kühlschrank finde, dann sage ich: „Ich kann hier keine finden!“ Wenn jetzt der andere kommt um nach zu sehen, dann gibt es entweder die Möglichkeit, dass er auch keine findet und sagt: „Dann habe ich mich also geirrt!“ Oder aber er findet sie und ich sage: „Habe ich ganz übersehen!“ Aber kein Konstruktivist würde im Ernst sagen: „Du hast Dir die Milch nur konstruiert!“

Die Wahrheit des Konstruktivismus liegt in der Anerkennung der operativen Geschlossenheit des Bewusstseins und der volitiven Komponente jedes mentalen Aktes. Seine Begrenzung liegt darin die Welterschlossenheit und damit die Möglichkeit richtiger Erkenntnis nicht angemessen abbilden zu können. „Das Selbst eines autonomen Systems ist die Proemialität19 von Kognition und Volition. Damit ist darauf hingewiesen, dass die Selbstheit eines autonomen Systems gleichursprünglich mit Welterschlossenheit und Geschichtlichkeit des Systems ist. Die Welterschlossenheit der Selbstheit eines lebenden Systems lässt sich nicht in den Kategorien der Informationsverarbeitung, der materiellen, energetischen und informationellen Input-Output-Operationen, explizieren. Selbstheit, Autonomie und Welterschlossenheit sind nicht ontische, sondern ontologische bzw. Reflexionsbestimmungen eines Systems.“

Die Situation, in der wir uns befinden verkompliziert sich allerdings in sofern, dass wir ja nicht die einzigen Subjekte in der Welt sind. Jeder von uns lebt in einer Welt, die mit vielen anderen Subjekten bevölkert ist, die sich ihrerseits sowohl kognitiv als auch volitiv zur Welt und uns in der Welt verhalten. Und sowohl ihre kognitiven, als auch ihre volitiven Akte können von uns nicht direkt beeinflusst werden, da sie ja ebenfalls operativ geschlossen sind. Von jedem Ich aus gesehen erscheint jedes Du als Teil seiner Welt. Allerdings gilt dieses auch für jedes Du relativ zu mir. Auch ich bin nur ein Teil in vielen unterschiedlichen Welten.

„Das Selbst eines selbst-organisierenden Systems ist nicht der Aktor (Operator, Relator, usw.) eines Programms, sei es ein volitives oder kognitives, motorisches oder sensorisches usw., der innerhalb oder außerhalb seiner Aktanten steht, der von der Aktivität seiner Aktion unberührt bleibt und damit eine klare Rang-Ordnung zwischen ihm als Aktor und seinen Aktanten konstituiert, sondern die Differenz, die
den Unterschied zwischen Aktor und Aktandensystem überhaupt erst ermöglicht. Diesen Ermöglichungsgrund, der nichts mit logischen, ontologischen und epistemologischen Modalitäten zu tun hat, der als Vorspiel und Vorhof jeglicher Thematisierung und Konstruktion von Operativität fungiert, nennt Günther proemial relationship.“

Eine therapeutische Arbeit/Theorie, die sich nicht nur auf inhaltliche Aspekte des Selbstbildes bezieht – so wichtig und nützlich diese auch ist – hätte als in den Arbeiten Gotthard Günthers über die Proemialrelation einen strukturellen Anknüpfungspunkt, der sich mit etwas Kreativität direkt in Formate übersetzen lässt. Ein Beispiel dafür wäre das Diamond-Format (siehe auch Buch “Die Diamond-Technik in der Praxis: Wie man Probleme auflöst, die man bisher nur lösen wollte. NLP & excellente Veränderungsarbeit”).